Über das Projekt

Erotische Erlebnisräume

Wenn ich Freunden und Bekannten oder Menschen auf Partys erkläre, dass ich als Fotograf für ein Internetportal für erotische Kontakte arbeite, treffe ich in der Regel anschließend auf typische Reflexe. Bei Männern dreht sich das Gespräch danach fast immer um einen mehr soziologisch angelegten Diskurs, fast eine Sittengeschichte ausbreitend, um irgendwann konkret dann doch auf eine stadtbekannte Adresse zu sprechen zu kommen. Wie ist es da so? Natürlich nur aus rein intellektuellem Interesse. Frauen stehen in der Regel auf einem klaren moralischen Standpunkt. Sex gegen Geld wird in der Regel harsch abgelehnt und die Hure zum Opfer erklärt, die vor Freiern beschützt werden muss.

Irgendwann sehe ich mich aber immer mit einer Frage konfrontiert: Wie sieht es in einem Puff eigentlich aus?

Besonders Frauen interessiert das brennend. Was mich früher häufiger verwundert hat. Bis ich verstanden habe: Frauen können eine Prostitutionsstätte (Amtsdeutsch) nur als Hure selbst oder als Putzfrau betreten. Eine also sehr einseitige Geschlechtererfahrung. Ich habe einige Jahre gebraucht bis ich diese offensive Neugier an etwas für mich absolut alltäglichen in ein Fotoprojekt transformieren konnte. Das war zunächst nicht so einfach. Denn ich hatte bis dahin nur Peoplefotografie betrieben mit dem klaren Verwertungsauftrag mit den Bildern eine gewerbliche Sexkontaktanzeige möglichst attraktiv zu gestalten. Plötzlich erschien mir das öffentlich machen dieser Verrichtungsräume (Amtsdeutsch) als ein fast zu intimer Akt. Das überraschte mich, wo ich doch hunderte Frauen erotisch fotografiert habe.

Aber Räume verraten andere Geheimnisse als Körper.

Sie sind kalt oder warm, verspielt oder schnöde, Orte der Lust oder des Schmerzes, opulent oder ärmlich. Sie sind räumliche Projektionen von Träumen und Sehnsüchten oder nur Ort kollidierender Körper. Die Bilder sind bewusst nicht datiert oder einer Stadt zugeordnet. Das fand ich nicht notwendig. Ich wollte ihr Geheimnis wahren. Einige existieren so nicht mehr.

Es gibt eine Frage die mir eigentlich öfter gestellt wird als die wie es in einem Puff aussieht. Nämlich in welchen Bordell ich es krachen lasse und wo ich den Service der Sexworkerinnen empfehlen kann.

Die Antwort enttäuscht regelmäßig Männer wie Frauen: Nirgends. Das weiß ich nicht.

Da ich Teil der erotischen Inszenierung bin und zu ihrer Erschaffung eine Dienstleitung erbringe, ist da für mich kein verführerischer Zauber. Huren bieten eine Illusion als Geschäft an. Ich koste Geld. Geld zu verdienen geht immer vor Geld ausgeben. So einfach ist das. Nichts weiter. Das ist das ganze Geheimnis.

Eine kurze Erklärung zu den verwendeten Begriffen. Als Anbahnungsfläche werden im Amtsdeutsch alle jene Zwischenräume bezeichnet, die keine hygienische oder unmittelbare Verrichtungsfunktion haben. Da jeder Besuch einer Prostitutionsstätte glücklicherweise im Bad beginnt oder endet gibt es die Kategorie Badespaß. Nicht notwendigerweise glamourös. Aber gegen Aufpreis Benutzung auch zu zweit möglich.

Gemeinsam haben alle sonstigen Räume, dass in ihnen von zart bis hart, kuschelig oder bizarr, mehr oder weniger geschmackssicher eingerichtet, Sex vollzogen wird oder was der Kunde dafür hält.

Thomas McNeal
Dezember 2016


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